Auf einen Kaffee im Staatsministerium

Auf einen Kaffee im Staatsministerium

Ich habe wieder Hoffnung.
Hoffnung, dass das Thema Blogger-Relations nicht großen Unternehmen mit „Emotional Brands“ vorbehalten ist. Oder sich Kontaktversuche im Versenden von anonymen Massenmails mit einer schlecht getexteten Pressemeldung im Anhang erschöpfen.

Denn das Staatsministerium Baden Württemberg hatte geladen. Geladen zur „Diskussion mit Bloggerinnen und Bloggern über die Werbe- und Sympathiekampagne ‚Wir können alles. Außer Hochdeutsch‘“. Und jeder der schon zig dieser unsäglichen Standard-Wir-Schicken-Jetzt –Auch-Bloggern-Unsere-Pressemitteilungen-Weil-Das-Grad-Hip-Ist-Mails gelöscht hat, weiß welch positive Überraschung ich erlebte, als ich die Mail mit der Einladung gelesen habe. Personalisierte Anrede. Ein Text der individuell auf mich als Person eingeht, Sinn und Zweck der Veranstaltung erläutert. Hausaufgaben gemacht.

Das ist umso erstaunlicher als das man dies einem Staatsministerium nicht zwingend zugetraut hätte. Dies und nicht zuletzt sicher auch die Möglichkeit sich den Amtssitz des Ministerpräsidenten und zugleich Sitz der Landesregierung von innen anzusehen (ich zumindest hatte vorher noch nicht die Möglichkeit) führte dazu, dass 25 Blogger der Einladung folgten. Eigentlich mag ich den Begriff „Klassentreffen“ nicht, der gern bemüht wird, wenn sich Blogger/Social Media Menschen an einem Ort versammeln. Fakt ist aber, dass mir zumindest zwei Drittel der Teilnehmer gut bis sehr gut bekannt waren, was auch für eine ganz sinnvolle Auswahl des Veranstalters spricht.

Einleitende Worte der Ministerin
Was es bedeutet zwischen dem Empfang einer kanadischen Delegation und einem abfahrenden Zug eine Horde Blogger zu begrüßen, konnte der geladene Netz-Schreiberling am etwas gestressten Zustand von Ministerin Silke Krebs ausmachen. Aber auch daran, dass die politische Vertreterin des Ministerpräsidenten persönlich die Einleitung übernommen hat, erkennt man die Ernsthaftigkeit der Vorhabens.

In der Folge erläuterte Andreas Schüle (Leiter Referat Landesmarketing und Veranstaltungen) die Kampagne nochmal, um danach das Herzstück der Online-Kampagne www.bw-jetzt.de vorzustellen. Die Website ging mit vier zentralen Zielen an den Start:

  • Fragen zu beantworten
  • Weiterführende Informationen zum Thema Baden Württemberg zu liefern
  • Spaß zu vermitteln
  • Das Signal zu senden, bereit für- und interessiert an der Kommunikation mit der Zielgruppe zu sein.

Die Außenposten der Kampagne im Social Web:
www.facebook.com/bwjetzt
www.twitter.de/bwjetzt
www.youtube.de/bwjetzt

Digitaler Vorreiter oder doch zu spät?
Im anschließenden Diskussionsteil stachen zwei Kritikpunkte heraus, die ich so auch unterschreiben kann. Erstens war dem Großteil der Anwesenden die Website bisher nicht bekannt. Kein gutes Zeichen, wenn man bedenkt dass hier im Prinzip nur Menschen saßen die den Großteil Ihrer Arbeitszeit im Internet verbringen. Zweiter Kritikpunkt betraf das späte Einbinden der Blogger. Nun muss man das relativieren. Vermutlich ist Baden Württemberg mit diesem Event ein Vorreiter im Bereich der Landesregierungen. Man möge mich korrigieren, falls ich irre. Somit kann von „spät“ keine Rede sein. Trotzdem ist die Website nun schon seit über einem Jahr online. Viele Ideen hätte man direkt in den Launch fließen lassen können.

Auf die Bitte, auf Facebook etwas lockerer zu kommunizieren antwortete Andreas Schüle: „Für unsere Verhältnisse sind wir schon superlocker“ und hatte zumindest die Lacher auf seiner Seite. An diesem Beispiel wird aber sehr schön deutlich mit welchen Problemen ein starrer Apparat wie eine Landesregierung beim Thema Social Web zu kämpfen hat. Der Steuerzahler (vor allem der Schwäbische?) legt ja gern auf die Goldwaage, was die Regierung da so von sich gibt. Ständige Beobachtung resultiert daraus. Was wiederum recht strenge Freigabeprozesse zur Folge hat. Jedes Posting, jeden Tweet, jeden Kommentar vorher absegnen zu lassen ist aber nicht praktikabel. So wurden auch hier die Zügel etwas gelockert.

Einen schönen Abschluss fand die Diskussion in der Übereinstimmung, dass der Ball von den Onlinern nun auch angenommen werden sollte und von der Landesregierung dann wieder zurückgespielt. Soll heißen: Wir Onliner sollten uns auch nach dem Event aktiv mit dem Thema beschäftigen und das Angebot zur Kommunikation annehmen. Genauso wie es Aufgabe der Landesregierung ist die Ideen und Vorschläge ernsthaft zu prüfen, einzubinden und ggf. umzusetzen.

Eine Willenserklärung von beiden Seiten liegt vor. Lasst uns was draus machen.

Weitere Blogs-Posts der Kollegen:
Lots of Ways
Jan Thoefel
Gassner’s Oli
Banedon
Tilo Hensel
MicialMedia
Storify von Marco Bereth

Fotos:
Eine tolles Flickr-Set von Michael

Ein Disclosure halte ich für überflüssig. Dass ich eingeladen wurde steht im Text. Dass wir vor Ort nicht auf dem Trockenen saßen versteht sich bei dem Gastgeber von selbst. Fahrt hab ich selbst bezahlt und den USB-Stick im Lippenstift-Format verschweige ich bewusst, um eine Diskussion über evtl. Neigungen zu vermeiden. 😉